Reisetagebuch Teil 15

Kurz nach Hanau wird das Strickzeug aus der Hand gelegt – Zeit für ein Fazit des Freiburger Rings…

Musikalisch war es an allen vier Tagen eine Wucht. Orchester, Solisten und dann auch der Chor gestern in der Götterdämmerung einfach nur sensationell gut. Sabine Hogrefe als Brünnhilde hat ja bereits in Bayreuth diese Rolle gesungen und gestern abend auch gezeigt dass sie derzeit wirklich eine der besseren Wagner-Sängerinnen ist. Ganz allgemein könnte ich jetzt niemanden von den Solisten nennen, der stimmlich mir nicht gefallen hätte. Auch in Sachen Textverständlichkeit gab’s keinen Grund zur Klage…

Womit wir zu Regie und Bühnenbild kommen. Ist natürlich beim Ring des Nibelungen ein Thema für sich – und man könnte stundenlang darüber diskutieren. Stichwort Werktreue… Wobei ich eindeutig der Meinung bin, dass man eine 1876 uraufgeführte Oper einfach immer wieder neu entdecken kann, nein MUSS – sowohl als Hörender als auch als Regisseur. Der Text von Wagner hat ja gerade durch seine Erzählung als Mythos eine Zeitlosigkeit und bleibt dadurch nicht in seiner Entstehungszeit stehen, ist also stets aktuell und mit seiner Thematik von Macht(missbrauch), dem Konsequenzen-tragen-müssen für das eigene Handeln und auch in der Kritik an zügellosem Besitztum und dem Missbrauch dessen – lässt aber auch zum Beispiel eine Interpretation als Parabel auf den Zustand der heutigen Gesellschaft und ihrem Umgang mit der Natur und seinen Ressourcen zu (sehr fesselnd fand ich hierzu das Buch von Peter Berne „Apokalypse. Weltuntergang und Welterneuerung in Richard Wagners ´Ring des Nibelungen´„).

Womit ich dann endlich zu meiner Meinung zu dem Freiburger Ansatz komme, den Ring zu inszenieren. Hier war ja bewusst der mythologische Aspekt ausgeblendet worden, der Ring wurde als rein menschliche Geschichte gezeigt, ohne jegliche Utopie, eher als bürgerliches Eifersuchtsdrama. Das erlaubt natürlich auch sehr ironische Blicke auf das Werk (ich sage nur Plüschtiere), aber eigentlich habe ich den Ansatz der Regie als bewusstes Dekonstruieren der Geschichte empfunden. Und damit beraubt man die Geschichte eines großen Teiles ihrer Sprengkraft und Radikalität, die sie ja in meinen Augen hat. Wobei ich es ja dann auch wieder schön finde dann in der Aufführung sagen zu können „ihr mögt vielleicht manches ausblenden und bewusst nicht zeigen – aber die Musik lügt nicht und sagt eben doch was ihr verschweigt…“

Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich den Ansatz der Freiburger Regie zu modern fand. Dem Ring tut ja Modernität gut, das hat man ja zum Beispiel 1976 am sogenannten Bayreuther ‚Jahrhundertring‘ gesehen – oder auch an meiner absoluten Lieblingsinszenierung aus Valencia (2008), die geradezu radikal modern in Sachen Bühnenbild und Videoprojektionen war, ganz zu schweigen vom Miteinbeziehen von Artisten bzw. deren Verwendung als lebender Teil der Bühnengestaltung. Wenn man das vergleicht mit Aufnahmen von 1989 an der MET mit Levine als Dirigenten, frag ich mich schon was der dortige Regisseur mit dieser Hänsel-und-Gretel-Ästhetik sagen wollte bzw. ob das nicht alles furchtbar altbacken und abgeschmackt ist und doch eigentlich keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann…

Alles in allem muss ich aber ganz klar sagen dass ich froh war diesen Ringzyklus gesehen zu haben, der mein erster aber hoffentlich nicht mein letzter war…

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